hashtag meeto – hashtag balancetonporc

Zur Zeit werden die sozialen Medien von zwei Hashtags förmlich überflutet. Es ist einerseits der von der Schauspielerin Alyssa Milano initierte #MeToo als auch der von der Journalistin Sandra Muller gestartete #balancetonporc Aufruf. Beide Hashtags entstanden kurz nach der Aufdeckung des seit Jahren – wenn nicht Jahrzehnten – schlummernden Skandal um den sexuellen Missbrauch durch Hollywood-Giganten Harvey Weinstein von Dutzenden Frauen. Am 5. Oktober veröffentlichte die New York Times einen Artikel (in Englisch), in dem sowohl namhafte Schauspielerinnen als auch Büroangestellte Weinsteins, diesen zahlreicher sexueller Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung beschuldigten. Reaktionen auf den Artikel liessen zunächst auf sich warten, Anfragen bei Kollegen Weinsteins bezüglich eines Statements wurden erst nach Tagen beantwortet. In der Zwischenzeit ist auch klar, warum sich Hollywood erstmal absichern musste. Das Netz von Mitwissern und Mittätern ist gross, grösser als wir vermutlich jemals erfassen können. Betroffen sind viele aus dem Umfeld Weinsteins, Freunde, Familie, Kollegen, Regisseure, Schauspieler, Protégés,…..
Schon vor einem Jahr war dieser Missbrauch kurz Thema, als die Schauspielerin Rose McGowan twittertebecause my ex sold our movie to my rapist for distribution„.
Mit my ex war ihr Expartner und Regisseuer/Produzent Robert Rodriguez gemeint, our movie war der Film Planet Terror und mit rapist meinte sie eigentlich Harvey Weinstein. Liess McGowan damals noch zu, dass ihr Statement in der Versenkung verschwand, ist sie heute offensichtlich dazu nicht mehr bereits. Sie kämpft darum, dass Weinsteins Mitwisser und Mittäter nicht so leicht davonkommen.

Einen anderen Weg haben Milano und Muller eingeschlagen. Sie fordern unter den erwähnten Hashtags auf, Frauen sollen ihre Geschichten öffentlich machen. Einerseits sollen wir uns so aktiv gegen unsere Peiniger zur Wehr setzen. Andererseits – und dies halte ich für viel wichtiger –  soll damit die Öffentlichkeit auf das Ausmass der Problematik aufmerksam gemacht werden. Seit dem die beiden Hashtags viral gegangen sind, sind in meinem Umfeld lebhafte Diskussionen zum Thema ausgebrochen. Leider sind dabei alle Meinungen vertreten, von „Was regt ihr euch auf, alles halb so schlimm“ bis zu denjenigen die Männern die Geschlechtsteile abhacken wollen für nur einen falsch empfundenen Blick, ist so ziemlich die ganze Bandbreite an Meinungen vorhanden.

Ein zentrales Thema der Diskussionen dreht sich um die Frage, was denn sexuelle Belästigung überhaupt sei und wo die Grenze zu ziehen ist. Während manche der Meinung sind, ein Busengrapscher sei tolerierbar, solange auf ein deutliches „Nein“ damit aufgehört werde, sehe ich das ein bisschen anders. Sexuelle Belästigung beginnt für mich schon bei anzüglichen Sprüchen und sexistischen Kommentaren. Denn solche Dinge belästigen mich, reduzieren mich auf meine Geschlechtsteile und sind einfach ein No-Go. Der Gesetzgeber teilt in diesem Fall meinen Standpunkt. In der Schweiz ist sexuellen Belästigung; darunter fallen per Definition geschlechtsbezogene entwürdigende bzw. beschämende Bemerkungen und Handlungen, unerwünschte körperliche Annäherungen, Annäherungen in Verbindung mit Versprechen von Belohnungen und/oder Androhung von Repressalien; ein Straftatbestand nach Artikel 198 StGB. Auf Antrag, also wenn jemand diesbezüglich angezeigt wird, kann eine Busse bis zur Höhe von CHF 10’000.- ausgesprochen werden. Alles was darüber hinausgeht wird als sexuellen Nötigung (Art. 189 StGB) oder Vergewaltingung (Art. 190 StGB) bezeichnet. Ich denke aber auch, hier liegt ein Knackpunkt in der ganzen Diskussion. Viele verwechseln den Begriff der sexuelle Belästigung mit der Definition für sexuelle Nötigung. Sie empfinden also die Belästigung (eigentlich Nötigung) für schlimm, alles was vorher war (also das was tatsächlich schon eine Belästigung war), als nicht so schlimm. Oder behaupten es zumindest in der Öffentlichkeit. Ich habe schon Sätze gehört, eine Frau müsse halt genügend Selbstvertrauen haben, um auch nein zu sagen, oder auch, man wolle sich nicht in die Opferrolle drängen lassen, wir Frauen müssen auch Verantwortung übernehmen.
Mir stossen dabei zwei Dinge sehr sauer auf:
Es werden auch Männer sexuell belästigt, genötigt oder auch vergewaltigt. Ich finde es daher falsch, nur die weibliche Weltbevölkerung als Opfer anzusehen.
Es ist nicht die Schuld des Opfers! Egal wie die Situation war, es ist immer und ausschliesslich die Schuld des Täters! Punkt!


#metoo #balancetonporc
Ich war ungefähr 12 Jahre alt, Klassenküken und auf einer Party bei einer Klassenkameradin. Wir waren eine Handvoll Jugendliche, die zusammensassen, quatschten, lachten, heimlich rauchten, heimlich Bier nuckelten. Irgendwann liess ich mich auf eine etwas versteckt stehende Couch fallen, wenig später setzte sich meine Freundin dazu. Während wir uns unterhielten, kamen 2 Jungs aus unserer Klasse und quetschen sich zu uns auf das Sofa. Es war zwar etwas eng, aber eigentlich bis dahin noch ganz harmlos. Doch dann begann einer der Jungs, unter mein Tshirt zu fassen und meinen Bauch zu streicheln. Ich sagte ihm, er solle das lassen und versuchte aufzustehen. Er entschuldigte sich und zog mich wieder zurück. Ja, ich liess ihn mich wieder aufs Sofa ziehen. Wie ich bald merkte, ein Fehler. Denn kaum sass ich wieder, begann er meine Brüste zu befummeln. Er hatte es blöderweise geschafft, seinen Arm so zu positionieren, dass er mir diesen um den Hals schlingen konnte. So hatte er mich relativ leicht unter Kontrolle. Obwohl ich versuchte, mich zu wehren, griff er mir wieder unters Tshirt und in den BH. Meine „Freundin“ knutsche in der Zwischenzeit mit dem anderen Klassenkameraden rum. Die beiden meinten irgenwann nur, ich solle mich nicht so anstellen. Ich weiss ehrlich gesagt heute nicht mehr, ob ich es doch schaffte, mich zu befreien oder ihm sein „Spiel“ irgendann zu langweilig wurde. Ich erinnere mich aber noch, dass ich mit einer geschnorrten Zigarette draussen im Garten stand und diese während rund einer halben Stunde „rauchte“, während ich mich wieder zu sammeln versuchte. In dieser Zeit kamen auch die Eltern der Schulkameradin, bei der die Party stattfand, nach Hause. Als sie mich so alleine da stehen sahen, wollten sie natürlich wissen, was los ist. Ich erzählte es, erhoffte mir Hilfe. Leider hiess es dann nur, das sei ja nicht so tragisch. Ich solle das nicht so eng sehen, ich sei nun mal die Einzige mit nennenswerten Brüsten, da würden die Jungs schon mal übermütig werden. Danach habe ich das Erlebnis lange Zeit für mich behalten, nicht mal meinen Eltern wollte ich es noch erzählen. Schliesslich war so was ja normal. Heute weiss ich es besser. Meine Eltern hätten wohl ein paar Leute zur Schnecke gemacht und normal war weder die Nötigung, noch die Reaktion der Erwachsenen darauf.

#metoo #balancetonporc
Das zweite Erlebnis war ein paar Jahre später. Ich dürfte so um die 20 Jahre alt gewesen sein. Ich musste bei einer Spedition eine Warensendung begutachten. Schon als ich in die Halle kam, wurde ich intensiv gemustert. Einer der Lagerarbeiter nahm sich dann meines Anliegens an und zeigte mir die betreffende Sendung. Als ich mich über die Kisten beugte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine komische Bewegung hinter mir. Als ich den Kopf umwandte, erwischte ich den Lagerarbeiter, wie er unmittelbar hinter mir stand und mit den Hüften unmissverständliche Stossbewegungen machte. Die anderen Männer in der Halle fanden das unheimlich witzig. Ich allerdings weniger. Ich sammelte wortlos meine Unterlagen ein, drehte mich um und verliess die Halle. Auf dem Weg nach draussen musste ich mir dann auch noch einige anzügliche bis dumme Sprüche anhören. Im Büro erzählte ich – zitternd – von meinem Erlebnis. Einer meiner Arbeitskollegen meinte nur, ich würde überreagieren. Mein Teamchef verlange von mir, ich solle mich nicht so anstellen und meine Arbeit gefälligst beenden. Erst unser oberster Boss war nicht nur bereit, mir zuzuhören. Er wurde auch richtig sauer. Er setzte mich zur Sekretärin ins Büro und zitierte meinen Chef und meinen Arbeitskollegen zu sich. Ich habe den Mann noch nie so laut brüllen gehört. Ungefähr eine halbe Stunde später kam der Filialleiter der Spedition zusammen mit dem Lagerarbeiter in unser Büro und beide entschuldigten sich, mehr oder weniger aufrichtig, für den Vorfall. Wann immer ich künftig bei dieser Spedition zu tun hatte, war es für mich echt hart. Die Seitenblicke und heimlichen Kommentare waren noch schwerer zu ertragen, als das eigentliche Erlebnis bzw. die Erinnerung daran.

#metoo #balancetonporc
Bisher musste ich zum Glück keine weiteren dermassen einschneidenden Erfahrungen machen. Anzüglich Sprüche bekam ich natürlich auch einige zu hören in den letzten Jahren. Bei einem Konzert rieb sich ein Betrunkener auch schon sehr aufdringlich an mir. Bevor ich aber wirklich registrieren konnte, was da passierte, hatte ich ihm aber schon reflexartig den Ellbogen in den Magen gerammt.

metoo


Ich kann also aus persönlicher Sicht sagen, es ist unheimlich wichtig, dass die Thematik öffentlich diskutiert wird. Es kann nicht sein, dass solche Vorfälle bagatelisiert werden. Es kann nicht sein, dass junge Menschen lebenslange Traumata mit sich herumschleppen müssen. Es soll diskutiert werden, es soll thematisiert werden. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auf beiden Seiten Täter und Opfer gibt. Es ist genauso verwerflich, einem Mann an den Po zu tatschen, wenn er das nicht will. Gleichzeitig ist es auch unheimlich wichtig, nicht hinter jedem Kompliment gleich sexuelle Belästigung zu sehen. Ein heikles Thema und eine schwierige Gratwanderung, ich weiss. Aber genau deshalb soll die öffentliche Diskussion stattfinden. Es müssen alle sensibler mit der Thematik umgehen lernen.

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