#notjustsad – warum lachst du?

3 1/2 Monate
16 Wochen
112 Tage
So viel Zeit ist seit der ersten Diagnose der Depression vergangen. Zeit, für mich ganz persönlich, auf die vergangenen Momente zurück zu blicken. Viel ist passiert, nicht nur Gutes, nicht nur Schlechtes.

Triggerwarnung, lesen auf eigene Verantwortung!

Die ersten Tage war ich ein bisschen im Schock gefangen. MIR passiert so Etwas doch nicht, mir geht es doch gut. Ich habe es heruntergespielt, will ja niemandem zur Last fallen. Meine Familie habe ich per WhatsApp informiert, ist ja nichts Schlimmes…

Auge_ClaudiaChiodi
Pic bei Claudia Chiodi

Dann setzte so langsam die Realität ein. Ich begann mich mit mir, mit der Krankheit und mit meinen Gedanken der vergangenen Monate auseinander zu setzen. Und ich stellte fest, es ist eben doch etwas Schlimmes. Ich hatte nicht einfach nur einen schlechten Tag. Mir ging es teilweise echt dreckig und dass ich heute hier sitze und diesen Text verfasse, ist quasi nur noch purer Zufall. Ich stand mit 1 1/2 Beinen eigentlich schon im Grab. Diese Zeilen zu tippen, tut unheimlich weh. Dieses Wissen, an welchem Tiefpunkt ich war und dass die Liebe zu meiner Familie mich nicht mehr lange hätte halten können….. Zu wissen, dass ich es eigentlich nur meiner Hausärztin verdanke, noch zu leben……
Nach der ersten Realisation stellte sich die Frage, wie weiter?
Meinen Arbeitgeber wollte ich in jedem Fall informieren, doch ich hatte auch unheimlich Angst vor der Reaktion. Also rief ich direkt im zuständigen HR an. Dort bekam ich bereits viel Verständnis und so vereinbarten wir, meinen Dienststellenleiter gemeinsam zu informieren. Dieses Gespräch zu dritt tat auf der einen Seite unglaublich weh, auf der anderen Seite auch sehr gut. Wieder wurde mir sehr viel Verständnis entgegengebracht. Etwas womit ich eigentlich gar nicht rechnete, immerhin bin ich ja kaputt. Meine Teamchefin war mit der Information dann schon eher überfordert. Verständlicherweise zwar, aber es tat schon weh. Dann ging es daran, meine Teamkollegen zu informieren. Davor hatte ich richtig Bammel. Ich denke, sie waren auch echt erschrocken, denn damit hatte niemand gerechnet. Auch meinem Freundeskreis schenkte ich reinen Wein ein und sorgte vermutlich für den einen oder anderen Schrecken.
Doch alle zeigten viel Verständnis für mich und meine Situation.

Und damit sind wir auch schon beim Kernproblem. Ich bekomme von vielen Seiten Verständnis, doch meine Krankheit wirklich verstehen, das können die Wenigsten.

„Du hast doch ein tolles Leben, da bekommt man doch keine Depression.“
„Du, depressiv? Das kann ich kaum glauben!“
„Es geht dir doch mittlerweile wieder richtig gut.“
„Du lachst doch soviel, du kannst gar nicht depressiv sein.“
„Ach komm, mit deinem super Leben, das packst du doch mit Links.“
„Warum bist ausgerechnet DU depressiv?“
„Psychotherapie ist doch Quatsch, du kannst dir nur selber helfen.“
„Ich glaube ja nicht, dass dir ein Klinikaufenthalt helfen kann.“

Diese Worte mögen als Aufmunterung gemeint sein. Doch vor allem sind sie eins, extrem schmerzhaft und verletzend.

Ich könnte jetzt lang und breit erklären, warum ausgerechnet ICH depressiv geworden bin. Fakt ist jedoch, ich habe neben der vorhandenen erblichen Anlage in den letzten 3 Jahren einige Schläge hinnehmen müssen, die ich nie wirklich verarbeitet habe. Dazu kommt, dass für mich alle Anderen immer weit vor mir kommen. Ich habe mich also auch nie mit diesen Schicksalsschlägen auseinander gesetzt, denn immer gab es jemanden, der meine Hilfe mehr brauchte als ich selber.

Mittlerweile bin ich in der Psychotherapie und werde von einer tollen Psychologin und einem sehr energischen Psychiater super betreut. Das bedeutet aber auch viel Arbeit an und mit mir selber. Ich habe Psychopharmaka, ich gehe einmal in der Woche zur Therapie und bin seit 2 Wochen zu 30% arbeitsunfähig geschrieben. Ausserdem läuft die Anmeldung für einen stationären Aufenthalt in einer Klinik. Sofort aber springt mein schlechtes Gewissen an, ich kann doch mein Team nicht im Stich lassen. (Ein Punkt, an dem ich definitiv noch an mir arbeiten muss!)
Zwischenzeitlich ging und geht es mir besser. Gleichzeitig tun sich aber auch immer wieder Löcher, Abgründe und Stolperfallen auf. Eben weil die Psychologin sehr intensiv mit mir arbeitet und ich mich mit mir auseinander setzen muss. Diese Arbeit ist Fluch und Segen zugleich. Ich habe zwar einiges gefunden, was mir Halt gibt und mich stabilisiert. Neben meiner Familie sind dies vor allem die Arbeit, Musik und die Fotografie. Wir entdecken aber auch immer mehr Wunden, die oberflächlich vernarbt sind, darunter aber noch genauso schmerzhaft, wenn nicht noch schmerzhafter wie zur Zeit als sie geschlagen wurden. Bevor ich also wieder stabil bin und in die Erhaltungstherapie kann, wird noch einiges an Zeit, viele Tränen und vor allem harte Arbeit ins Land gehen.

Auch wenn ich nach Aussen noch immer die Fassade der starken, fröhlichen jungen Frau zeige, die immer für alle da ist, so hat diese Fassade doch schon einige Risse bekommen.
Ich habe mittlerweile gelernt – vor mir selber – zuzugeben, dass ich eben nicht mehr so bin. Ich bin nicht mehr die fröhliche und aufgestellte Person, die ich mal war. Dieser Teil von mir ist zur Zeit „im Urlaub“ und ich vermisse mich selber unheimlich. Da wo diese innere Stärke war, ist zur Zeit ein tiefschwarzes Loch und nur ab und an verirrt sich ein Lichtstrahl hinein.

Warum lachst du? – Weil ich das Leben trotz der schweren Zeit geniessen will.
Warum lachst du? – Weil ich Spass haben will.
Warum lachst du? – Weil ich mich wieder zurück haben will.
Warum lachst du? – Warum nicht?

 

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